Massenmedien der Antike

Heute gelten sie als Auslaufmodell, dabei dienen Münzen seit über 2000 Jahren unter anderem als Tausch- bzw. Zahlungsmittel. ArchäologInnen finden sie in den unterschiedlichsten Ausgrabungen antiker Stätten: geprägt aus verschiedenen Materialien, unterschiedlich alt, immer wieder anders gestaltet.
© Charax Spasinou Project (Aufnahme: Robert Killick)

Für Stefan Hauser, Professor für Mediterrane und Vorderasiatische Archäologie an der Universität Konstanz, erschließt jede Münze eine kleine Welt. Im Gespräch erklärt er, welche Informationen er aus einer Münze ziehen kann. 

Weshalb finden Münzen in der Archäologie so viel Beachtung?

Stefan Hauser: Bei archäologischen Ausgrabungen sind Münzen besonders wichtig, weil sie üblicherweise gut datiert sind. Viele tragen ein exaktes Prägedatum, also eine Jahreszahl. Darüber lassen sich die Fundkontexte datieren. Eine Münze sagt uns zwar nicht, dass der Kontext exakt in das Prägejahr gehört, aber dass er nicht älter als dieses Datum sein kann. Wir Archäologen nennen das einen terminus post quem.

Zudem sind Münzen großartige historische Quellen. Speziell für die Mesene haben wir nur sehr wenige Schriftquellen. Aber über die Münzen können wir wenigstens die Herrscherabfolge rekonstruieren.

Darüber hinaus können wir über Münzfunde Kontakte rekonstruieren. Wenn wir beispielsweise im Südirak Münzen aus Indien finden, können wir auf Handelskontakte der dort lebenden Menschen schließen.

Welche Rolle spielten Münzen in der Antike?

Generell sind Münzen ja nichts, was in der Natur vorkommt und natürlich gewachsen wäre. Ihre Entstehung setzt nicht nur gewisse handwerkliche Fertigkeiten voraus, sondern es steht eine ökonomische Idee dahinter: zu garantieren, dass ein bestimmter, allgemein akzeptierter Wert vorhanden ist. Schon in der Antike waren Münzen für das Staatswesen wichtig, um Handel zu fördern und die Wirtschaft am Laufen zu halten.

Voraussetzung für diese Garantie war und ist, dass sich Menschen gemeinschaftlich auf ein kontrolliertes, allgemeingültiges Äquivalenz-System geeinigt haben. Gleichzeitig waren Münzen das Massenmedium der Antike schlechthin und so für politische Nachrichten geeignet. So repräsentieren Münzen mit ihrer Prägung eine bestimmte Herrschaftsform und spezifische Machthaber.

Dynastien der Antike
In der Mitte des 6. Jh. v. Chr. entstand mit dem Perserreich, dass vom Indus bis nach Makedonien und Libyen reichte, das bis dahin größte Reich der Geschichte. Die Herrscher stammten aus der Familie der Achämeniden. Alexander der Große eroberte das Reich, starb aber bald darauf 323 v. Chr. in Babylon. Seine Generäle teilten das Reich auf. Feldherr Seleukos, König des von ihm selbst gegründeten Seleukidenreiches, erkämpfte sich die Gebiete von Anatolien bis zum Indus. Ab der Mitte des 2. Jh. v. Chr. verloren seine Nachfolger die Kontrolle über die östlichen Gebiete an die Familie der Arsakiden. Zwischen 96 v. Chr. und 226 n.Chr. bildete der Euphrat die Grenze zwischen den Reichen der Römer und der Arsakiden.

Seit wann gibt es Münzen?

Edelmetalle in bestimmten Gewichtseinheiten als Referenzgrößen kennen wir in Mesopotamien und Ägypten schon seit dem 3. Jahrtausend vor Christus. Der Wert von Dingen, insbesondere Waren, wird in Vielfachen bestimmter Gewichtseinheiten von Edelmetall angegeben. Münzen unterscheiden sich davon durch ihre Prägungen, die die ausgebende Stelle kennzeichnen. Die ersten Münzen, die wir kennen, stammen aus dem 7. Jahrhundert vor Christus. Sie entstanden in Lydien, im westlichen Anatolien, und bald danach in den Küstenorten entlang der phönizischen und ionischen Küste, also dem heutigen Libanon und der türkischen Westküste. Dort wurde unter der Oberhoheit der persischen Achämenidendynastie viel Handel betrieben. Und von dort breitete sich das Münzsystem im ganzen Vorderen Orient und im Mittelmeerraum aus.

Ab dem späteren 4. Jahrhundert vor Christus wurden die Münzeinheiten überall dort, wo griechischer Einfluss herrschte, in Drachmen gerechnet. Mit Alexander dem Großen dann auch im Vorderen Orient. Die größte Münzeinheit war üblicherweise die Vier-Drachmen-Münze, die Tetradrachme. Diese waren ursprünglich aus Silber und wogen knapp 17 Gramm. Auch bei der abgebildeten Münze handelt es sich um eine Tetradrachme.

© Charax Spasinou Project

Vorderseite einer antiken Münze mit dem Porträt von König Herakles. Copyright: Charax Spasinou Project, Strichelung hinzugefügt von Universität Konstanz

Bestimmte der Materialwert des Silbers den Wert der Münze?

Die Frage des sogenannten Realwertes ist bei dieser Münze besonders spannend. Denn sie ist aus Bronze, eine bronzene Tetradrachme, die so tut, als sei es eine Silbermünze. Im Grunde sehen wir hier eine Ablösung des Real- vom Nominalwert bzw. umgekehrt.

Im Laufe der Geschichte können wir immer wieder mal einen schwindenden Silbergehalt in den nominellen Silbermünzen feststellen. Was das konkret bedeutet, darüber sind sich Historiker nicht ganz sicher und einig. Üblicherweise wird das als Zeichen für wirtschaftliche Schwäche in den jeweiligen Regionen interpretiert. Da die bronzenen Münzen aber offensichtlich akzeptiert worden waren, fragt man sich: Welcher Wert wurde ihnen zugeschrieben? Der von Silber oder galten sie als minderwertige Münze?

Wie sehen Sie dies?

Persönlich würde ich argumentieren, dass diese Münzen als Tetradrachmen äquivalent zu Silbermünzen akzeptiert wurden, auch wenn sie nur noch aus Bronze bestanden. Das wiederum würde auf die hohe Autorität der ausgebenden Institution hinweisen, die unabhängig vom Realwert, der sich eigentlich in Metallwert ausdrücken müsste, den Wert der Münze garantiert.

Was waren das für Herrscher?

Auf der Vorderseite dieser Münze sieht man König Abinergaos II., über den außer wenigen Münzen mit seinem Namen nichts bekannt ist. Er regierte etwa 165-180 nach Christus in der Mesene, einer Provinz des Arsakidenreiches, die den südlichsten Teil des heutigen Irak und die westliche Küste des Persischen Golfes bis zum Oman umfasste. Hierarchisch unterstand er dem Arsakidenherrscher, dessen Titel „König der Könige“ lautete, da die wichtigsten Provinzen, wie die Mesene, von Königen verwaltet wurden. Abinergaos trägt ein Diadem, das auf seine Königswürde hinweist. Er blickt nach rechts. Auf der Rückseite ist wie bei allen Münzen der Mesene ein sitzender Herakles abgebildet (Anm. d. Red.: siehe Titelbild), der nach links gewendet ist. In der Mesene begann man kurz nach der Unabhängigkeit vom Seleukidenreich, 128 vor Christus, Münzen zu prägen. Die hier vorliegende, die etwa 300 Jahre später entstanden ist, zeigt aber noch dieselbe Gestaltung mit dem nach rechts schauenden Königsporträt auf der einen, und einem sitzenden Herakles auf der anderen Seite.

Warum ist Herakles auf der Rückseite abgebildet?

Warum diese Herakles-Gestalt alle Münzen der Mesene ziert, wissen wir nicht. Die durchgängige Nutzung weist jedoch auf eine sehr intensive Verbindung der Herrscherdynastie zu Herakles hin. Traditionellerweise hatten hellenistische Königsdynastien eine bestimmte Gottheit, mit der sie sich besonders identifizierten. Die Seleukiden etwa prägten auf all ihre Münzen Apollo auf die Rückseite. Man glaubte vermutlich auch, dass Apollo ein Ahnherr der Seleukiden sei.

Wo wurde die abgebildete Münze gefunden?

Die Münze kommt aus der Stadt Charax Spasinou, die zuvor Alexandria am Tigris hieß. Die Stadt im heutigen Südirak wurde von Alexander dem Großen 324 vor Christus gegründet. Für Jahrhunderte war sie der Knotenpunkt für den Indienhandel und die Hauptstadt der Provinz Mesene im Arsakidenreich.

© Charax Spasinou Project (Stuart Campbell 2017)

Von der antiken Stadt Alexandria am Tigris ragt nur mehr der Umgebungswall über den Erdboden. 

In einem florierenden Handelszentrum, wie es Alexandria am Tigris bzw. später Charax Spasinou war, kann man von regem Geldfluss ausgehen. Wenn man heute über die Oberfläche der riesigen Ruine geht, findet man auch überall stark korrodierte Fragmente von kleineren Münzen. Eigentlich wollten wir jetzt auch dort sein, aber die Ruine liegt nahe der heutigen Grenze zum Iran. Daher können wir die Ausgrabungen vor Ort wegen des Angriffskrieges der USA und Israels gegen den Iran nicht wie geplant fortführen.
 

Aktuell versucht Stefan Hauser in Zusammenarbeit mit Patrick Pasmans, einem Juristen und passionierten belgischen Numismatiker, alle aus der Mesene stammenden Münzen möglichst komplett zu katalogisieren. Ein Student Hausers schreibt darüber hinaus seine Masterarbeit über die Münzen des späten 2. und frühen 3. Jh. n. Chr.

Headerbild: Rückseite einer antiken Münze mit sitzendem Herakles. Copyright: Charax Spasinou Project, Aufnahme von Robert Killick, Strichelung hinzugefügt von Universität Konstanz

Claudia Marion Voigtmann

Von Claudia Marion Voigtmann - 07.10.2026