Alles beginnt mit einer Idee

Es wird allmählich voll an diesem Abend des 9. April 2026: Immer mehr Menschen strömen gegen 18:00 Uhr in die Räumlichkeiten auf Ebene 7 des K-Gebäudes der Universität Konstanz, wo gleich das Finale des Kilometer1 Idea Cups starten wird. Mehr als 100 ZuschauerInnen sind gekommen. Sie wollen live miterleben, wie insgesamt neun FinalistInnen-Teams aus der Bodenseeregion ihre Startup-Ideen vorstellen, um damit eine hochkarätige Jury aus der regionalen Gründungsszene zu überzeugen. Ein neuer BesucherInnen-Rekord, der zeigt, dass die Veranstaltung neben FreundInnen und Familien der FinalistInnen auch viele Gründungsinteressierte anzieht, die nicht nur zum Zuhören, sondern auch zum Netzwerken gekommen sind. Denn die Angebote rund um den Idea Cup sind längst zu einem wichtigen Element der frühen Gründungsförderung in der Bodensee-Region geworden.
© Philipp UricherBis auf den letzten Platz ausgebucht: Über 100 BesucherInnen hatten sich zum Finale des Kilometer1 Idea Cups 2026 angemeldet.
Eine spürbare Spannung legt sich über das Publikum, als wenige Minuten später das Moderatorinnen-Team um Andra-Lisa Hoyt und Sibylle Koch von Kilometer1 die Mikrofone einschaltet und Dirk Leuffen, Prorektor für Forschung, Forschungsinfrastrukturen und Transfer der Universität Konstanz, die Eröffnungsworte spricht. Mit lautem Applaus begrüßt das Publikum anschließend die Jury des heutigen Wettbewerbs, und nach einigen Sätzen zu Kilometer1 und zum Ablauf des Idea Cups geht auch schon los, worauf alle gewartet haben: die Pitches der diesjährigen FinalistInnen. Die Regeln sind für alle gleich. Nur drei Minuten hat jedes Team, um seine Produktidee vorzustellen, gefolgt von fünf Minuten, in denen es sich den kritischen Fragen der Jury stellen muss. Digitale Hilfsmittel – wie Video-Clips oder Hochglanz-Präsentationen – sind nicht erlaubt. Was zählt, sind die Idee sowie Kompetenz und Persönlichkeit der Teammitglieder.
Den Wald ins Wohnzimmer holen
Den Anfang machte der Wirtschaftsingenieur Niklas Kuhlmann von der HTWG, der – so viel sei bereits vorweggenommen – mit seinem Yoku BioTransformer den mit 1.000 Euro dotierten Jury-Preis für den Gesamtsieg einheimsen konnte. Es ist einer von insgesamt vier Preisen, die an diesem Abend vergeben werden. Einen Prototypen seines BioTransformers hatte Kuhlmann gleich mitgebracht und präsentierte ihn stolz dem Publikum. Was dabei auf den ersten Blick wie eine gewöhnliche Nachttischlampe aussah, entpuppte sich jedoch als wahres „Biotechnologie-Wunder“: Bei dem Gerät handelt es sich um einen einzigartigen Raumbedufter, der die Düfte des Waldes ins eigene Zuhause bringen und so stressreduzierend und gesundheitsfördernd wirken soll.
Anders als herkömmliche Raumbedufter, so Kuhlmann, setzt sein Gerät jedoch nicht einfach extrahierte oder synthetisierte Duftstoffe frei. Stattdessen werden die Duftstoffe – sogenannte Terpene – im Gerät selbst durch biologische Prozesse kontinuierlich neu erzeugt. Zum Einsatz kommen hierfür kompostierbare Pads aus Holz, die mit Pilzkulturen beschichtet sind. Einmal aktiviert, beginnen die Pilze mit der Verstoffwechslung des Pads und setzen dabei die Terpene frei. Mithilfe unterschiedlicher Pilzkulturen lasse sich auf diese Weise nahezu jeder beliebige Duft erzeugen – ein Konzept, das die Jury überzeugte.
Als zweite Pitchende folgte Havva Günay von der Hochschule Albstadt-Sigmaringen (HSAS) mit der Vorstellung ihrer Produktidee NeuNo. Dabei handelt es sich um einen tragbaren, KI-gestützten Assistenten für neurodivergente Menschen. In stressigen Situationen soll dieser komplexe Aufgaben in kleinere, besser handhabbare Teilschritte zerlegen, und anschließend motivierend und anleitend bei der Bewältigung der Aufgabe helfen.Annalia Gomm (links) und Rafaella Lopez Kempin (rechts) von der HSAS kombinieren mit Ihrer Marke Nyawi hochwertige Biofasern aus Alpaka-Haar mit moderner Textiltechnologie zu einem neuartigen Isolationsmaterial. Warme und atmungsaktive Kleidung wird dadurch deutlich leichter als zum Beispiel eine Daunenjacke. Gomm und Lopez gewannen mit Nyawi den Publikumspreis.Ein ganz anderes Thema schnitt Stefan Scholz von der Universität Konstanz mit dem Pitch für seine Online-Plattform Elhio an: Mit Elhio können NutzerInnen visuelle Medien wie Bilder und Videos auf Erstellung oder Manipulation durch KI und unerwünschte Inhalte, wie beispielsweise Gewaltdarstellung, überprüfen. Die Jury zeichnete die Idee mit dem „Impact Award“ aus.Luis Ott (links) und Maxim Dinort (rechts) von der HTWG stellten mit ihrem Klimperkasten einen Getränkekasten für die Lenkerstange am Fahrrad vor, der Platz für bis zu sechs Flaschen bietet. Ein standardisiertes Clipsystem erlaubt dabei die schnelle Montage des Klimperkastens. Mit Ihrem humorvollen und sympathischen Pitch sorgten die beiden außerdem für gute Laune im Publikum.Als BioLab wollen Luca Kofler (rechts) und Sebastian Schoer (links) von der HTWG den Agrarsektor revolutionieren. Anstelle großer Erntemaschinen sollen ihrer Idee nach Schwärme aus kleineren Robotern die Arbeit übernehmen, was verschiedene Vorteile mit sich brächte. BioLab möchte einmal als Dienstleistung die dafür benötigten Infrastruktur zur Verfügung stellen – von den Ernterobotern bis hin zur Ladeinfrastruktur.Antonia Schmid von der HSAS pitchte als siebte Kandidatin des Abends ihr Produkt HaarTex. Dank eines von ihr entwickelten Textilverfahrens kann sie Stoffe herstellen und anbieten, die aus menschlichem Haar als nachhaltigem Rohstoff hergestellt werden. Frühe Prototypen dieser Stoffe brachte sie als Anschauungsmaterial mit. Die Jury kürte Schmid für ihr Produkt zur „Tech Innovation Award“-Gewinnerin des Abends.Mit SpecScout stellten Johannes Körner (rechts) und Erik Dierkes (links) von der Hochschule Ravensburg-Weingarten (RWU) ihre Dienstleistung für BetreiberInnen von Online-Handelsplattformen vor. Diese verfügen häufig über unvollständige Daten zu den von ihnen angebotenen Produkten, wodurch die Suchanfragen potenzieller KundInnen oft ins Leere laufen. SpecScout haben eine Algorithmus entwickelt, der die vorhandenen Lücken schließt, indem er die fehlende Daten automatisiert im Web recherchiert.Im letzten Pitch des Abends ging es um den SeeU Street Mirror, eine Idee von Shourya Krishnappa Poojary (links), Piyush Yogesh Mehta (rechts) und Krishna Ketan Bhuva (Mitte) von der RWU. Im Schaufenster eines Kaufhauses platziert sollen PassantInnen den KI-gestützten „Spiegel“ nutzen können, um bereits im Vorbeigehen die Schaufenster-Ware anzuprobieren. Die ausgestellte Kleidung wird dafür virtuell auf das eigene Bild projiziert.Die Jury des Idea Cup 2026 bestand aus insgesamt fünf prominenten Gesichtern der Gründungsszene in der Bodenseeregion. Hier im Bild (v.l.n.r): Matthias Kiechle, Teil der Geschäftsführung bei SK One; Christina Ungerer, Professorin für Entrepreneurship und Innovation an der HTWG; Tobias Fauth, Geschäftsführer von cyberLAGO e.V.Die Jury des Idea Cup 2026 bestand aus insgesamt fünf prominenten Gesichtern der Gründungsszene in der Bodenseeregion. Hier im Vordergrund (v.l.n.r): Stephan Tögel, Vorstand der Crescere Stiftung Bodensee; Antje Freyth, Vorstandsvorsitzende des UnternehmerInnen für GründerInnen e.V. und Geschäftsführerin der Veränderungsintelligenz GmbH.
Ein Projekt mit echtem Impact
Als vierter Finalist des Abends betrat Stefan Scholz die Bühne, der sich in seiner Doktorarbeit am Fachbereich Politik- und Verwaltungswissenschaft der Universität Konstanz mit der Frage beschäftigte, wie mit Künstlicher Intelligenz (KI) generierte Bilder in den Sozialen Medien verbreitet werden und mit welchen Folgen. In diesem Kontext ist auch die Idee für Elhio entstanden, eine Online-Plattform zur Überprüfung der Authentizität von visuellen Medien. Zu jedem Bild, das auf Elhio hochgeladen wird, liefert die Plattform eine Einschätzung, ob es mithilfe von KI generiert oder manipuliert wurde. Anders als verwandte Angebote, so Scholz, erkennt Elhio Bildgenerierungen und Manipulationen unabhängig vom verwendeten KI-Modell – und das mit einer Trefferquote von 99 Prozent.
Wer Elhio selbst nutzen möchte, um ein Bild auf seine Echtheit zu überprüfen, kann dies jederzeit tun. Für GelegenheitsnutzerInnen ist die Verwendung der Plattform kostenlos. Als AbonnentInnen seiner Dienstleistung möchte Scholz Unternehmen gewinnen, die durch KI-generierte Inhalte Informationsschäden und Nutzungsrückgänge erleiden. Auch in der Versicherungsbranche sieht er potenzielle KundInnen – allzu leicht könne schließlich mittels KI ein Versicherungsschaden vorgetäuscht werden. Aufgrund der Aktualität und Tragweite des Problems gefälschter Medien, für das Elhio einen möglichen Lösungsansatz bietet, zeichnete die Jury Scholz mit dem Impact Award 2026 aus, der mit 500 Euro dotiert ist.
Menschliches Haar als wertvoller Rohstoff
Die Gewinnerin des dritten Jurypreises ist Antonia Schmid von der Hochschule Albstadt-Sigmaringen (HSAS). Sie erhielt den ebenfalls mit 500 Euro dotierten Tech Innovation Award für ihr Produkt HaarTex. Die Idee dahinter: menschliche Haare als Rohstoff für hochwertige Textilien zu verwenden, anstatt sie als Friseurabfälle jedes Jahr tonnenweise zu verbrennen. Denn Haare haben als Naturfaser einiges zu bieten, wie Schmid in ihrem Pitch berichtet. Sie seien beispielsweise antibakteriell, UV-resistent sowie thermo- und feuchtigkeitsregulierend.
© Philipp UricherAntonia Schmid hatte einige Materialproben ihrer Stoffe aus Menschenhaar dabei, betonte jedoch, dass es sich dabei um frühe Prototypen handle und dass der aktuelle Entwicklungsstand bereits weiter vorangeschritten sei.
Schmid und ihr Team beziehen die menschlichen Haare direkt von Friseursalons, unterziehen sie anschließend einer hygienischen Reinigung und verarbeiten sie schließlich zu Stoffen, die sie im Direktvertrieb an Unternehmen verkaufen möchten. Das hierbei zum Einsatz kommende Reinigungs- und Veredlungsverfahren haben sie selbst entwickelt. Als KundInnen will Schmid zunächst Hersteller von hochwertigen Interior-Design-Artikeln gewinnen, deren Kundschaft für Exklusivität und außergewöhnliche Materialien aufgeschlossen sei. Auf lange Sicht sieht sie aber auch die Automobil- und Kleidungsindustrie als mögliche Zielgruppe.
Von den Anden nach Konstanz
Besonders großen Anklang beim Publikum fand der Pitch von Annalia Gomm und Rafaella Lopez Kempin von der HSAS. Für ihre Marke Nyawi designen und fertigen die beiden luxuriöse Kleidung aus Alpaka-Haar. Mithilfe moderner Textiltechnologie verarbeiten sie die hochwertigen Biofasern zu einem Isolationsmaterial, das dank der besonderen Eigenschaften von Alpaka-Haar die Fertigung besonders leichter Kleidungsstücke erlaubt, die trotzdem auch bei niedrigen Temperaturen warmhalten. Für ihre Idee und den Pitch wurden die beiden mit dem Publikumspreis 2026 bedacht, über den per Online-Voting abgestimmt wurde.
Insgesamt zeigten die FinalistInnen des diesjährigen Kilometer1 Idea Cup eindrucksvoll, welches Innovationspotential in der Bodenseeregion steckt. Sie alle überzeugten in ihren Pitches mit kreativen Ideen, durchdachten Konzepten und klaren Anwendungsfällen. Ob Biotechnologie, KI-Anwendungen oder Produkte aus nachhaltigen Materialien – die Bandbreite der Projekte machte deutlich, dass an den Hochschulen der Region reale Lösungen für gesellschaftliche, ökologische und wirtschaftliche Herausforderungen entstehen.
Über Kilometer1
Kilometer1 ist einer von sechs InspireBW-Hubs in Baden-Württemberg. Das sind Hochschulverbünde, die gemeinsam für mehr Entrepreneurship und mehr Gründungen aus dem Hochschulkontext heraus aktiv sind. Zum Kilometer1-Hub gehören die HTWG mit dem Institut für strategische Innovation und Transformation und die Universität Konstanz mit dem Team vom Wissens- und Technologietransfer, die Kilometer1 2017 gemeinsam ins Leben gerufen haben. Seit 2024 außerdem Teil des Hubs sind die Hochschule Ravensburg-Weingarten mit dem Startup-Zentrum LAB4DTE sowie die Hochschule Albstadt-Sigmaringen mit dem Institute of Innovation, Impact and Entrepreneurship. Die Zeppelin Universität Friedrichshafen ist assoziierte Partnerin. Mit Beratungsangeboten rund ums Gründen, Entrepreneur-Workshops zur Ideen-Entwicklung, Netzwerkveranstaltungen und Pitch-Wettbewerben unterstützt der InspireBW-Hub Kilometer1 die stetige Verbesserung der Gründungskultur an den beteiligten Hochschulen und in der Region.


