Wo bleibt die Menschlichkeit?

Stellen wir uns vor, die autokratischen Führer von Weltmächten lösen einen Atomkrieg aus. Oder die Klimakatastrophe tritt ein und macht dem Leben auf Planet Erde ein Garaus. „Ende – es ist zu Ende. Es geht zu Ende. Es geht vielleicht zu Ende“, so beginnt Clov (Rune Wietelmann) das Theaterstück „Endspiel“ des irischen Autors und Theatermachers Samuel Beckett. Welche Katastrophe auch immer das ‚Leben‘ draußen, das Clov nur durch die Bilderrahmenfenster per Fernrohr beobachten kann, so unwirtlich und menschenfeindlich macht, ist der Vorstellungskraft der Zuschauer überlassen. Dass es schrecklich gewesen sein muss, darauf lässt jedenfalls der körperliche und psychische Zustand Clovs und der anderen Protagonisten schließen.
Doch nur scheinbar ist Clov allein auf der minimalistisch dekorierten Bühne. Mit ein, zwei kräftigen Armbewegungen enthüllt er den zunächst mit einem Tuch verhüllten Hamm (Idan Pfefferle), der auf einem kargen Roll-Hochstuhl mitten auf der Bühne thront. Ein goldfarbenes Geflecht auf dem Kopf, eine weiße Krause um den Hals, eine Sonnenbrille auf der Nase, sein Kostüm lässt uns an absolutistische Herrscher denken und parodiert gleichzeitig seinen Herrschaftsanspruch. Hamm ist erblindet und an diesen „Thron“ gefesselt, kann weder sehen noch gehen und ist so auf die Hilfe Clovs existenziell angewiesen.
Zu diesem Mikrokosmos, der der Apokalypse draußen irgendwie entkommen ist, gehören noch Hamms Vater Nagg (Jakub Kaminski) und seine Mutter Nell (Marie Puschmann), beide je in einer Tonne unfrei lebend, nachdem sie ihre Beine in einem Tandemunfall verloren haben. Der einzig agile in dieser Wohngemeinschaft ist Clov, eindrücklich gespielt von Rune Wietelmann. Doch dessen unnatürlich anmutende gebeugte Körperhaltung deutet darauf hin, dass auch er gezeichnet, durch das Schicksal niedergedrückt ist.
© Universität Konstanz/ Marion VoigtmannIdan Pfefferle spielt Hamm als willkürlichen Herrscher über einen absurden Mikrokosmos – innerlich zerrissen, willensstark und künstlerisch ambitioniert.
Mag man meinen, dass gemeinsam durchlebtes Leid zusammenschweißt, dann trifft das auf die von Beckett gezeichneten Figuren zumindest nicht zu. Oben von seinem Stuhl aus herrscht Hamm – zynisch, manipulativ, egozentrisch –, kommandiert den mitleiderregenden Clov wie einen Sklaven herum und lässt ihn als seinen verlängerten Arm auch die spärlichen Auf- und Abtritte von Nagg und Nell inszenieren. Tonnendeckel auf, mal etwas gefragt, mal zum Aufstehen und Zuhören aufgefordert, Tonnendeckel zu.
Jede Figur hat ihre eigene Überlebensstrategie in dieser zwischenmenschlichen Wüste gefunden. Bei Clov sind dies Flucht-Fantasien, bei Hamm eine geistige Beweglichkeit und künstlerischer Ehrgeiz. In Dialogen, die nicht nur die Absurdität ihrer Lage widerspiegeln, sondern auch sprachlich der Absurdität nicht entbehren, führen die beiden einen Tanz zwischen Macht und Ohnmacht, Dominanz und Unterwerfung auf, die nur ihre gegenseitige Abhängigkeit – körperlich beim einen, psychisch beim anderen – zu überdecken versuchen. „Du wirst sein wie ich“, sagt etwa Hamm zu Clov, „nur dass du niemanden haben wirst.“ Gemeint ist, niemanden, der sich später einmal um ihn kümmern werde, sollte er als Jüngster und körperlich Fittester der einzig Überlebende dieses Ménage à quatre sein. Sie können nicht miteinander, aber ohne einander können sie auch nicht.
Wo bleibt die Menschlichkeit in diesen zerrütteten, lieblosen Verhältnissen? Nun, manchmal hebt sich metaphorisch der Vorhang und Gefühle zueinander blitzen auf: Naggs und Nells schon etwas verblasste Liebe zueinander, ihre Fürsorglichkeit füreinander, oder Hamms fast väterliche Gefühle gegenüber Clov. Dass da früher einmal etwas Verbindendes war, führt auch Hamms eindrucksvoller Monolog vor Augen: Er erzählt die Geschichte von einem so mittellosen wie erzieherisch überforderten Vater, der Hamm um Nahrung bittet für seinen Sohn – Clov. Und Hamm nimmt den Kleinen schließlich von Mitleid bewegt in seine Obhut.
In langen, unglaublich gut und abwechslungsreich vorgetragenen Sprechszenen trägt Idan Pfefferle alias Hamm diese Geschichte vor. Dabei mutiert die so grausam agierende wie innerlich sichtlich erschütterte Figur zum Künstler-Erzähler. Und wenn es überhaupt eine Erlösung aus einer absurden Welt gibt – wobei man vielleicht eher von einer vorübergehenden Linderung des Leidens an einer absurden Welt sprechen sollte – dann liegt sie in diesem individuellen Über-sich-selbst-Hinauswachsen durch die Kunst. Es ist der großartigen schauspielerischen Leistung von Idan Pfefferle zu verdanken, dass da sogar Mitleid aufkeimen kann für eine Kunstfigur, die in ihrem Körper gefangen und in einer zwischenmenschlichen Sackgasse gestrandet ist… und doch den schöpferischen Funken des Göttlichen in sich trägt.

