Magie in der Literatur
„Expelliarmus!“ – „Wingardium Leviosa!“ – „Expecto Patronum!“
Es dürfte wohl kaum ein Kind geben, das diese Zaubersprüche aus den Harry Potter-Romanen nicht kennt, und auch Erwachsene können diese Zungenbrecher mühelos rezitieren. Harry Potter entwaffnet mit diesen Sprüchen gekonnt seine Widersacher, lässt Dinge schweben oder beschwört einen Schutz vor bösen Geistern. Die Fantasy-Literatur boomt, Zauberei ist in den Bücherregalen allgegenwärtig – und das ausgerechnet in einer technikaffinen Zeit, in der gemeinhin nicht mehr an Zauberei geglaubt wird.
Ritter, Burgen, Zauberstäbe: Viele dieser Fantasy-Romane sind vom Mittelalter inspiriert. Eine Prise Magie scheint da ganz selbstverständlich mit dazuzugehören: Man erwartet es fast schon von einem Fantasy-Buch. Doch welche Rolle spielte Zauberei tatsächlich in den Erzählungen des Mittelalters? Welche Vorstellungen von Magie und Hexerei kursierten damals in der Gesellschaft? Und welche Unterschiede zeigen sich zwischen den Erzählungen des Mittelalters und der heutigen Fantasy-Literatur? Wir haben einen Experten gefragt: den Literaturwissenschaftler Andreas Hammer von der Universität Konstanz. Er ist Herausgeber des Sammelbands „Magie und Literatur. Erzählkulturelle Funktionalisierung magischer Praktiken in Mittelalter und Früher Neuzeit“ und ist Mitglied im DFG-Netzwerk „Wort – Wirkung – Wunder: Sprache und Macht in der Vormoderne zwischen Religion, Magie und Medizin“. In seiner Forschung befasst er sich unter anderem mit der Frage, wie Zauberei in den mittelalterlichen Texten literarisch aufbereitet wird.
Von Zaubersprüchen im Kloster
Keine Frage, das Thema Magie war in den theologischen Diskursen des Mittelalters verpönt. Im christlichen Kontext wurde der Gedanke an Zauberei natürlich strengstens vermieden, schließlich wäre Hexerei ein frevelhafter Eingriff in Gottes Ordnung und wurde mit dem Teufel in Zusammenhang gebracht. Trotzdem kamen die Klöster an der Zauberei doch nicht so ganz vorbei. Denn interessanterweise sind uns viele dieser Zauber – wie die berühmten Merseburger Zaubersprüche – ausgerechnet in liturgischen Gebetsbüchern überliefert, inmitten von lateinischen Texten.
„Wir wissen, dass diese Zaubersprüche angewendet wurden. Sonst hätten wir nicht so viele Überlieferungen von Heilungssprüchen. Sie wurden stark in die Alltagskultur einbezogen, sie galten als Arztkenntnisse. Deshalb stammen diese Überlieferungen ganz häufig auch aus klösterlichem Umfeld, weil das medizinische Wissen dieser Zeit vor allem bei den Mönchen im Kloster lag.“
Prof. Andreas Hammer, Professor für Ältere Deutsche Literatur und Sprache
„Man hat die Sprüche als so wirksam betrachtet, dass man sie trotzdem aufgeschrieben hat“, schildert Andreas Hammer. Der Literaturwissenschaftler ist sich sicher: Magische Handlungen waren zutiefst in der Alltagskultur des Mittelalters verankert, auch an Klöstern. So wurden Heilungssprüche teils auf Hostien geschrieben und wie eine Pille eingenommen. Zaubersprüche wurden zu medizinischen Zwecken praktiziert, sehr häufig sogar zur Heilung von Tieren. „Drei Viertel der Sprüche beziehen sich auf Pferdeheilungen. Pferde waren nunmal die wichtigsten Tiere.“
Im Mittelalter existierten Zaubersprüche und christliche Segenssprüche nebeneinander. Auch wenn die theologischen Diskurse der Zauberei kritisch gegenüberstanden, wurde in der Alltagspraxis kein Widerspruch darin gesehen, dass in einer christlichen Gesellschaft Zauber gewirkt wurden – auch an Klöstern.
Eine junge Frau, vermutlich die Fee Morgane, studiert im Nonnenkloster Magie. Morgan le Fay ist eine wichtige weibliche Figur in der Mythologie um König Artus.
William Henry Margetson, Public domain, via Wikimedia Commons.
Hammer macht hier auf eine „eigenartige Konvergenz“ von Segenssprüchen und Zaubersprüchen aufmerksam: „Die Wirkweise ist die gleiche.“ In ihrer Textstruktur ähneln sie sich frappierend. Sie bestehen jeweils aus zwei Teilen: Zunächst kommt eine sogenannte „Historiola“, eine knappe geschichtliche Erzählung. Sie bildet den erzählerischen Rahmen und schildert häufig ein besonderes Geschehnis aus der Vergangenheit. Anschließend folgt der eigentliche Zauber- oder Segensspruch, der dieses Ereignis aus der mythischen Vergangenheit in die Gegenwart holt und dadurch den Zauber wirksam macht. Dieser Aufbau ist bei Segen und Zaubern gleich, mit einem kleinen Unterschied: Bei Zaubersprüchen erzählt die Historiola in der Regel eine mythische Geschichte, im Fall der Merseburger Zaubersprüche etwa die Geschichte, wie Balders Pferd lahmt und Wotan es wieder heilen kann. Der Segensspruch ist hingegen in eine christliche Historiola eingebettet.
Von magischen Gegenständen und Zaubergestalten
Aus dem frühen Mittelalter sind uns eigentlich nur die Zaubersprüche überliefert, längere literarische Erzählungen kennen wir aus dieser Zeit hingegen nicht. Mit dem Hochmittelalter ändert sich das, nun gibt es Heldenepik und höfische Romane, in denen Magie eine prominente Rolle spielt. In den theologischen Diskursen ist Magie zwar weiterhin negativ besetzt. Die Literatur bietet aber eine Möglichkeit, dies zu umgehen. „In der Literatur haben wir einen erzählerischen Kontext, in den magisches Handeln eingebettet ist. Da Literatur eine fiktionale Distanz hat, kann man mit diesen Themen anders umgehen.“ Somit wird es möglich, trotz kirchlicher Kritik unbefangen von Magie zu erzählen: in Form von Literatur.
Wie tritt die Magie in diesen Texten auf? Interessanterweise sind es in den Erzählungen des Hochmittelalters zumeist eher Gegenstände, die magische Wirkung entfalten. Literarische Figuren wie die Fee Morgane oder Simon Magus, die aktiv zaubern können, gibt es hingegen seltener – und wenn sie vorkommen, dann sind sie häufig fragwürdige Gestalten. „Der aktiv Zaubernde ist in den Geschichten oft der Widersacher des Helden“, so Hammer. Zauberei wurde immerhin als Teufelsbeschwörung angesehen. Wer sie ausübt, muss folglich mit teuflischen Mächten im Bunde stehen. Das passte nicht gut zum Helden der Geschichte. Nur wenige Ausnahmen von dieser Regel sind uns überliefert; ein Harry Potter wäre im Hochmittelalter kaum denkbar gewesen.
Der Tod von Simon Magus.
Public domain, via Wikimedia Commons. Link
Spannenderweise werden magische Gegenstände jedoch nicht verteufelt: verzauberte Schwerter und verhexte Burgen, magische Relikte und Siegfrieds Tarnkappe – all diese Dinge werden nicht in Frage gestellt. „Sie werden wie im Märchen gar nicht groß erklärt. Sie sind einfach da. Mit ihnen muss sich der Held auseinandersetzen“, schildert Hammer. Diese verzauberten Gegenstände sind häufig Hilfsmittel des Helden, wie im Fall von Siegfrieds Tarnkappe, oder sie sind Hindernisse, die überwunden werden müssen. Sie erfüllen ihren erzählerischen Zweck und verschwinden danach sogleich auch wieder aus der Geschichte. Nach Siegfrieds Tod spielt die Tarnkappe keine aktive Rolle mehr im Nibelungenlied; sie wird schlicht und ergreifend nicht mehr erwähnt. Wie der Nibelungenschatz im Rhein versinkt die Tarnkappe im Nebel des Vergessens.
Von Sehnsuchtsorten und Anderswelten
Es sollte lange dauern, bis der Zaubernde zum publikumswirksamen Helden wurde und Magie ihren Makel als Teufelswerk verlor. In den Fantasy-Romanen der Gegenwart wird Magie deutlich positiver dargestellt – nicht zuletzt auch deshalb, weil der religiöse Bezug wegfällt. In der säkularisierten Welt haftet ihr keine Teufelei mehr an. „Zauberei ist vom Ruch der Dämonenbeschwörung befreit. In Harry Potter ist sie einfach eine Kraft, man kann sie positiv oder negativ nutzen“, vergleicht Hammer. Die Geschichten können nun ungezwungener mit der Zauberei umgehen – und der Zaubernde wird zum Helden.
Häufig wird der Protagonist in Fantasy-Romanen aus „unserer Welt“ herausgerissen und geht in eine Art Anderswelt: in ein magisches Land wie Narnia, an eine Zauberschule wie Hogwarts oder ans Internat der Gestaltwandler bei den Woodwalkers. Hier gelten andere Regeln, eine andere Logik als in unserer Welt. Diese Anderswelten bilden einen Gegenpol zu unserer säkularisierten, technikbasierten und wissenschaftlichen Gesellschaft.
„Dieses Heraustreten aus der Welt ist vielleicht genau das, was den Fantasyboom auszeichnet. Es ist eine generelle Sehnsucht, gerade für unsere technikbasierte Gesellschaft: dass man in eine andere Welt eintreten kann, in der andere Regeln herrschen – und jemand wie Harry Potter ein Held sein kann, der es vorher nicht sein durfte in der normalen Welt.“
Prof. Dr. Andreas Hammer
© Kampus Production, pexels
Sich in eine andere Realität zu wünschen: Ein Hauch von Eskapismus ist den Fantasy-Romanen unserer Zeit sehr häufig zu eigen. Genau hier zeigt sich ein wichtiger Unterschied zu den Erzählungen des Mittelalters. Wurden auch diese eskapistisch gelesen? „Das glaube ich gerade nicht. Meiner Ansicht nach ist die mittelalterliche Literatur nicht von Eskapismus geprägt“, argumentiert Hammer. Die übersinnlichen und fantastischen Elemente jener Erzählungen wurden im Mittelalter als realer interpretiert, als wir es heute täten – oder zumindest als potenziell real. Die Menschen hörten die magischen Geschichten, doch sie erzählten ihnen nicht von einer fremden Welt, sondern von ihrer höchsteigenen Welt. Trotz einer gewissen literarischen Distanz zum Erzählten wurden die Geschichten nicht als reine Fiktionen verstanden.
„Ich bin schon sehr vorsichtig beim Begriff Fiktionalität im Mittelalter. Da müssen wir ein anderes Fiktionalitätsbewusstsein als für die Moderne ansetzen. Man war sicherlich der Meinung, dass so etwas im Rahmen des Möglichen gewesen sein könnte“, führt Hammer aus. Auch waren die Texte weniger träumerisch als belehrend. Magie in der Literatur des Mittelalters war zwar zweifellos eine Form der Unterhaltung, mündete aber immer recht schnell in einer Belehrung – spätestens hier war man wieder auf dem Boden der Tatsachen angekommen.
Wir glauben heute gemeinhin nicht mehr an Magie und können daher viel unbefangener darüber sprechen. Es ist somit kein Widerspruch, dass ausgerechnet in unserer heutigen, naturwissenschaftlichen Welt die Magie in der Literatur boomt – und dass sie zu einer Zeit, in der man sie für möglich hielt, literarisch vorsichtiger behandelt wurde. Und auch wenn unsere heutigen Fantasy-Romane mittelalterliche Welten inszenieren: Die literarische Auftrittsform von Magie ist doch eine andere als in den Erzählungen des Hochmittelalters. Ein Held wie Harry Potter, dem Magie einfach angeboren ist und der sie ganz ungezwungen einsetzt, als wäre sie das Normalste auf der Welt – das wäre im Hochmittelalter kaum denkbar gewesen. Umso schöner, dass wir ihn heute in unseren Bücherregalen haben.
Zur Person:
Prof. Dr. Andreas Hammer ist Professor für Ältere Deutsche Literatur und Sprache an der Universität Konstanz. Er forscht unter anderem zu Mythos und Literatur, zum literarischen Konzept von Heiligkeit sowie zu Medialität und Narrativik im Mittelalter und der Frühen Neuzeit. In einer länderübergreifenden Zusammenarbeit untersucht er den Sammlungsaufbau und die Ordnungsprinzipien des Codex Manesse. Andreas Hammer ist Herausgeber des Sammelbands „Magie und Literatur. Erzählkulturelle Funktionalisierung magischer Praktiken in Mittelalter und Früher Neuzeit“ und Mitglied im DFG-Netzwerk „Wort – Wirkung – Wunder: Sprache und Macht in der Vormoderne zwischen Religion, Magie und Medizin“.



